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2020-06-01

Altered States – Der Höllentrip

Damals in den 80ern bin ich beim Gang durch die Videothek zufällig in der Horrorabteilung über diese Filmperle gestolpert. Der deutsche Titel verspricht denn ja auch einen Horrorfilm und mit William Hurt als Hauptdarsteller, dachte ich mir so, kann ja nichts schiefgehen.

Als ich dann den Film anschaute, musste ich mal wieder feststellen, wie bescheuert manchmal deutsche Filmtitel sein können und wie ignorant Filme dann einem Genre zugeordnet werden. Tatsächlich ist „Der Höllentrip“ mit seinem originalen Titel „Altered States“ wesentlich besser betitelt und zudem filmisch viel mehr mit „2001 – Odyssee im Weltraum“ als mit irgendwelchen Horrorstreifen verwandt. Er basiert auf einem Roman von Paddy Chayefsky, der dann hierzu auch das Drehbuch schrieb.

Hier erst einmal der filmische Rahmen:

Der Wissenschaftler Eddie Jessup (William Hurt) experimentiert in den guten alten 60er-Jahren mit sogenannten Isolationstanks. In einem solchen Tank schwebt man sozusagen in einer Magnesium-Sulfat-Lösung, hört und sieht auch nichts. Wenn der Körper eine Weile seiner Sinne beraubt ist (was durch den Schwebezustand natürlich verstärkt wird), fängt man automatisch und ganz ohne Drogen an zu halluzinieren.

Das ist übrigens nicht erfunden, sondern funktioniert wirklich. Tatsächlich hat man vorzugsweise in den 1960er-Jahren Experimente dieser Art gemacht.

Eddie Jessup ist ein Besessener, er möchte dem Ursprung des Bewusstseins und des Ichs auf den Grund gehen. Für ihn ist Wahnsinn nichts weiter als ein anderer Bewusstseinszustand und über Halluzinationserfahrungen erhofft er sich, tief in uns verborgene Informationen über eben dieses Bewusstsein freizulegen. Sein ihm treu ergebener Kollege Arthur Rosenberg (Bob Balaban) übernimmt die dabei notwendige wissenschaftliche Überwachung.

Die nerdigen Wissenschaftler bekommen weiblichen Zuwachs in Form von Emily (Blair Brown), einer fabelhaften Anthropologin, die sich in den exzentrischen Eddie verliebt. Eddie hingegen, dessen wahnhafte Suche größtenteils durch die Erfahrung mit dem Sterben seines Vaters ausgelöst wurde, hat sich in seinem faustischen Streben stark von seinem Gefühlsleben entfremdet – sozusagen den Verstand von der Emotion getrennt. Nichtsdestotrotz fühlt er sich von Emily angezogen und heiratet sie.

Als Eddie dann von einem Pilz erfährt, den ein Indianischer Stamm die „Urblüte“ nennt und für schamanische Rituale verwendet, dessen rauschhafte Wirkung weit über alles hinausgehen soll, was uns bisher bekannt ist, wird er erneut gepackt. War doch seine Suche zuvor an einem toten Punkt angekommen, sieht er nun die Chance, endlich weiter dem Geheimnis von Bewusstsein und Ich auf die Spur zu kommen.


Diese Reise, die uns Regisseur Ken Russell nun bietet, ist unterlegt von einer dramatischen Bilderflut, an deren Symbolgehalt man beim immer neuen Anschauen jedes Mal Freude haben wird. Die hier aufgeworfenen Fragen erreichen philosophische Höhen, die man in der Art filmisch nicht oft geboten bekommt.

Wenn das Universum anfangs noch aus quasi einer Energiereaktion all das ausgebildet hat, was wir heute vor uns haben, wie verhält sich all das dann zueinander?

Wenn Energie zu Materie und Materie zu Energie werden kann, wie könnte da Materie der Ursprung von allem sein? Ist es dann nicht eher wahrscheinlich, dass Materie letztlich eine andere Form von Bewusstsein (wohlgemerkt: nicht Ich-Bewusstsein) oder Geist (als andere ungenügende Wortschöpfung) ist? Steht nicht gerade mit der Wellenmechanik, der Relativität und der Quantentheorie in Frage, dass Bewusstsein aus Materie entsteht? Und wenn es so wäre, muss dann nicht Materie viel mehr sein als wir bisher in ihr erkannt zu haben glauben?

Dies sind übrigens keine esoterischen Fragen, sondern durchaus über die Erkenntnisse der Physik zulässige und naheliegende Spekulationen. Wenn man hier weiterdenkt: Es ist durchaus möglich, dass in unseren Genen weit mehr Informationen enthalten sind als wir bisher entdeckt haben. Ob diese Informationen dann letztlich die Geschichte des Universums enthalten und ob wir jemals in die Lage kommen könnten, diese abzurufen, steht natürlich auf einem anderen Blatt. Aber es ist ein interessanter Gedanke. Außerdem muss ja nicht die Menschheit das Ende der Fahnenstange sein, wer weiß, welche Arten von Wesen das Universum noch hervorbringt oder hervorgebracht hat.

Jedenfalls ist es dieser Gedanke, dass in uns all das Wissen enthalten ist, dass alles mit allem verbunden ist, es wie eine Art übergeordnetes Bewusstsein gibt, dem wir als Ich-Formen daraus abgespalten gegenüberstehen und zugleich Teil davon sind, den diese Geschichte aufgreift und antreibt. So wie das übergeordnete Bewusstsein kein Ich hat, kann es sich nur über seine Schöpfungen selbst erfahren, wohingegen seine Schöpfungen (also auch wir) wiederum nur ihren kleinen perspektivischen Teil des Ganzen zu erfassen in der Lage sind. Ken Russell lässt uns an diesem unfassbaren visuellen Trip in Form von Eddie Jessup teilhaben, und wer sich darauf einlässt, der kann wahrhaftig Angst bekommen. Nichtsdestotrotz finden wir auch Schönheit und Ordnung in allem, und vielleicht hat unsere Vorstellung von Liebe in ihrer nicht-biologischen, sondern spirituellen Form doch eine Bedeutung in diesem großen ich-losen Bewusstsein; eben nämlich deshalb, weil wir als seine Ich-Verkörperungen Teil seiner Erfahrung werden und dadurch überhaupt erst eine Bedeutung des ich-losen Bewusstseins möglich machen. Und wenn man hier den Bogen zu Eddies wahnhafter Suche schlägt, die er mehr verstandesmäßig vollführt und den Zugang zu seinen Emotionen eher schwer findet: Was wäre der Verstand, was wäre die Erfahrung von Bedeutung ohne Emotionen?


Ich mag manche jetzt vielleicht gelangweilt haben mit diesen Ausführungen und man könnte sich fragen, was zur Hölle das in einer Filmrezension zu suchen hat. So sehr ich diese Frage verstehen kann, so möchte ich dagegen halten: Eben das ist es, was in diesem Filmkunstwerk drinsteckt. Es ist kein oberflächlicher Streifen, der mit ein paar visuellen Gags daherkommt, die keine Bedeutung haben. All das, wovon ich hier gesprochen habe, kann man in diesem Film finden. Nur darf man nicht erwarten, dies mit einem Brett auf die Stirn geknallt zu bekommen, vielmehr funktioniert es nur, wenn man sich auf den Trip ein- und sein Bewusstsein erweitern lässt.


Der Film hatte gerade auch in Deutschland schon immer einen sehr stiefmütterlichen Status, wohl auch, weil er fälschlicherweise als Horrorfilm gehandelt wird. Aber er ist eben auch ein Kultfilm, der doch immer wieder seine Liebhaber finden wird. Für mich hat Ken Russell hier ein Meisterwerk geschaffen, selbst wenn man im Vergleich zu Kubricks „2001 – Odyssee im Weltraum“ natürlich zugeben muss, dass ihm die ganz große handwerkliche Perfektion eines Kubricks hier fehlt.

Nichtsdestotrotz sind das an der ein oder anderen Stelle nur Quantensprünge …

© Sascha Besier

Altered States Trailer

Admin - 10:14:30 @ Rezensionen | Kommentar hinzufügen