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2021-11-25

Wolfsruf von S.P. Somtow (Heyne Verlag)

Somtow spinnt einen phantastischen Mythenbogen der Werwölfe: Die Reise ins gelobte Land, grauenhafte Untaten, böse Schurken, die Ordnung der Dinge, Erlösung, Sehnsucht, die Ankunft des Messias’ usw.

Die einführende und begleitende Handlung der Protagonistin und fiktiven Schreiberin der Geschichte erzählt von den seltsamen Erlebnissen ihrer selbst, wie sie eigentlich vorhatte, eine Geschichte über einen Mörder zu schreiben. Dabei gerät sie in einen Sog der Ereignisse, durch den sie mit ihrer Vergangenheit und dem Ruf des Blutes konfrontiert wird.

Somtow spart hier nicht mit harter Sprache. Auch Kinder bleiben von den Untaten nicht verschont. Das ist sicher nichts für zarte Gemüter, aber es ist eben nicht einfach alles aus Lust an der Perversion eingefügt worden; vielmehr benötigt die Geschichte diese Dinge, damit Allegorien und Mythos in ihr so funktionieren, wie sie sollen. Es ist hierbei auch nicht verwunderlich, dass es nicht die Wölfe sind, die die tiefsten und verachtenswertesten Abgründe aufweisen, sondern die Menschen. Auch das Aufeinandertreffen der europäischen Werwolfsippe, die geprägt durch europäische Zivilisation und dadurch von ihrer natürlichen Ordnung entartet sind, mit den Werwölfen der indianischen Welt, die wie die amerikanischen Ureinwohner selbst sich als Teil der Natur und deren Ordnung verstehen und entsprechend leben, ist ein großer Wurf Somtows innerhalb der Geschichte. Nicht nur wegen den allegorischen Seitenhieben auf das Zusammentreffen der Europäer mit den Indianern, auch wegen der dadurch entstehenden philosophischen Komponente zu den Fragen nach dem Sinn der Dinge und Kreaturen innerhalb der kosmischen Ordnung. Wem dies nicht schon vorher im Buch aufgeht, dem sollte es spätestens im Endspurt auffallen. Zugegeben, wenn sich die Traumsequenzen mit der Realität mehr und mehr vermischen, erschließt sich dies alles einem nur beim wirklich konzentrierten Lesen. Doch gerade das macht ja den Clou des Buches aus.

Ich habe selten ein Buch gelesen, das in sich so stimmig ist in Sprache und Erzählstrang. Zwar kann ich verstehen, wie oben erwähnt, dass manche mit der Härte einiger Passagen nicht zurechtkommen, aber ich verstehe nicht, wie man dies dem Autor als mangelnde Fähigkeiten oder als Perversität auslegen kann. Man braucht sich nur jeden Tag umschauen, wozu der Mensch fähig ist und Somtows Mythos der Werwölfe als Spiegelbild hierfür wahrnehmen. Im Gegensatz zu unserer Realität bietet Somtow wenigstens die Erlösung des Mondtanzes an (Originaltitel des Buches: Moondance).

Fazit: Abgründig, tiefschürfend, verstörend, intelligent und eng mit der menschlichen Realität verbunden. Phantastische Literatur, wie sie sein sollte.

© Sascha Besier

Admin - 00:22:53 @ Rezensionen | Kommentar hinzufügen

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